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Heft 5/2007
Genialer Schund
„Schilf“ ist Juli Zehs erster Krimi – und ihr vielleicht sorgfältigster Roman. Ein BÜCHER-Gespräch über ein unterschätztes Genre, die letzten Fragen und heiße Stoffe.
von Jens-Christian Rabe (Text) und Olaf Martens (Fotos)

| "Spieltrieb" hieß Juli Zehs zweiter Roman - und gegen einen Spaß über den Dächern Leipzigs hat sie immer noch nichts einzuwenden. |
Die Frau hat keine Zeit zu verlieren. Soviel ist schon mal klar. Juli Zeh betritt das Café Cantona in Leipzig eine gute Viertelstunde zu früh. Die zwei Reisetaschen landen ruckzuck auf der Bank, die Jacke ist ebenso schnell abgeworfen: „So, hallo!“, sagt sie freundlich lächelnd. „Entschuldigen Sie, aber …“ Und weg ist sie. Bitte. Sie saß schließlich gerade ein paar Stunden im Auto. Seit Kurzem lebt die 33-Jährige nicht mehr in der Stadt, in der sie ihr Jurastudium abschloss und am renommierten Deutschen Literaturinstitut ausgebildet wurde. Juli Zeh hat sich mit ihrem Freund ins Havelland westlich von Berlin zurückgezogen. Die Arbeit an „Schilf“, ihrem ersten Kriminalroman, liegt in den allerletzten Zügen. Das Manuskript ist noch warm, wenn man so will. Das Gespräch mit BÜCHER ist das erste Interview zum Buch. Morgen wird sie einen Kurs am Literaturinstitut geben. Danach geht’s zum letzten Stillektorat. Frau Zeh setzt sich an den Tisch. Versuchen wir, ihr Tempo aufzunehmen.
In „Schilf“ ist zu lesen, die besten Ideen hätte ein Mensch zwischen 20 und 30. Sie sind 33 Jahre alt. Was können wir von „Schilf“ überhaupt noch erwarten?
Naja, der Satz bezieht sich natürlich erstmal auf Naturwissenschaftler. Und was die meinen, ist, dass man nach dieser Zeit nicht mehr auf neue großartige Ideen kommt. Ich würde aber gar nicht sagen, dass das so eine Horrorvorstellung ist. Man kann die paar guten Ideen, die man hatte, ja dann detailliert ausarbeiten.
Und das reicht Ihnen als Schriftstellerin?
Es ist ja meistens als Beleidigung gemeint, wenn man sagt, dass ein Autor nur ein Thema hat oder eine Band nur ein Lied – aber ich sehe das nicht so eng. Es gibt einfach nicht so wahnsinnig viele Themen und gerade die Möglichkeit, im geisteswissenschaftlichen Bereich etwas Neues zu entdecken, ist sehr gering. Es kann eigentlich nur darum gehen, immer wieder neu umzuformulieren, das, was da ist, in immer neue Gefäße zu gießen. Und das kann man machen, bis man 150 ist.
Chapeau. Zu einer so bescheidenen und skrupulösen Dozentin kann man dem Schriftstellernachwuchs am Leipziger Institut nur gratulieren. Erfolgreiche Schriftsteller neigen gelegentlich ja zum Größenwahn. Juli Zeh verschwendet damit keine Zeit. „Schilf“ ist nach „Adler und Engel“ (2001) und „Spieltrieb“ (2004) ihr dritter Roman. Es geht, wie eigentlich immer bei ihr, um viel, sehr viel. Raffiniert verwoben wird nicht nur von einem Mord und seiner Aufklärung erzählt, sondern auch von der brutalen Rivalität zweier befreundeter Naturwissenschaftler, von einem Medizinskandal und von den allerletzten Fragen.

| Aufgeklährt hat Juli Zeh sich mit den Schundkrimis aus der Bahnhofs- buchhandlung - sexuell gesehen. Ihr eigentliches Thema ist aber die Moral. |
Mit Krimi-Versatzstücken haben Sie früher schon gespielt. Nun gibt es sogar einen Kommissar. Warum?
Ich dachte, ich gehe mal noch einen Schritt weiter und bekenne mich zum Genre. Wenn in einem deutschen Roman ein Kommissar auftaucht, ist es ja sofort Trash, „Tatort“. Mich reizt, zu beweisen, dass man aus allem Literatur bauen kann.
Lesen Sie selbst gerne Krimis?
Mit 15 oder 16 habe ich die komplette Ullstein-Kollektion von Al-Wheeler-Krimis gelesen, bestimmt zwei Regale. Kennt die noch jemand?
Diese schwarz-gelben Taschenbücher aus dem klapprigen Drehständer in der Bahnhofsbuchhandlung?
Ja, ja, genau die. Geniale Sachen. Mein Vater hat die gesammelt. Gelesen habe ich das aber vor allem, weil da immer Sex vorkam. Heißer Stoff! Heute würde ich wahrscheinlich verstehen, dass das ironisch ist. Mr. Wheeler trug Drei-Tage-Bart und legte grundsätzlich die Füße auf den Tisch, an der Decke lief der Ventilator und dann erschien immer die Silhouette einer Frau (Juli Zeh deutet eine enorme Oberweite an) im Milchglas der Detekteitür – eine „Kundin“ … Damit habe ich mich aufgeklärt. Danach habe ich eigentlich nur noch vereinzelt Krimis gelesen – und nicht mehr mit vergleichbarem Vergnügen.
Krimicharaktere sind ja meist etwas holzschnittartig gezeichnet.
Ich finde das gerade gut. Es muss nicht immer psychorealistisch sein. Gerade am Holzschnitt kann man etwas zeigen. Es ist halt ein bisschen aus der Mode. Was mich an Krimis viel mehr stört, ist, dass alles der Handlung oder dem Plot dienen muss. Exkurse in abgelegenere Bereiche sind verboten. Architektonisch bewundere ich das. Beim Lesen wird mir aber immer schnell langweilig, wenn ich ständig das Zielkreuz vor der Nase habe.
Auf der anderen Seite ist der Krimi das Genre schlechthin für moralische Fragen, zu denen Ihr Werk ja eine gewisse Affinität zeigt.
Eben. Es geht immer sofort um Gerechtigkeit und Sühne, und am Ende muss das große Weltengleichgewicht wiederhergestellt sein.
Aber verlieren Texte auf diese Weise nicht an Offenheit?
Finde ich nicht unbedingt. Moral ist mein Überthema, aber nur so, wie vielleicht bei Nabokov das ewige Thema die Liebe zwischen Menschen ist, die 30 Jahre auseinander liegen. Moralisierend ist es deshalb nicht. Es scheinen einfach Fragen durch, die hinter dem Text stehen, Fragen, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe, während ich geschrieben habe. Ich möchte die Literatur nicht als Werbung für meine politischen Ideen missbrauchen. Aber ich mag eben Literatur nicht, die sich nur an der Oberfläche abspielt. Jeder hat einen Kopf zum Nachdenken. Für mich geht es darum, eine Ebene zum gemeinsamen Nachdenken zu schaffen. Ich glaube, dass nur das die Literatur so alt gemacht hat.
Wenn es um den Kern dessen geht, was sie beschäftigt, wird Juli Zeh angenehm ener-gisch. Und genau da sind wir jetzt. Ihren Saft und den Milchkaffee hat sie kaum angerührt.
Sie schreiben, die Welt gehöre dem, der sie erklären kann. Wer kann das?
Die Frage ist genau der Grund, warum mich der ganze Physikkram seit ein paar Jahren interessiert. Seit etwa einem Jahrhundert beginnt sich in der Quantenphysik die philosophische Idee des Konstruktivismus zu spiegeln. Ausgerechnet in der Naturwissenschaft, da, wo man immer gesagt hat, man entdecke objektive Wahrheiten! Auf einmal gibt es Physiker, die sagen: „Hoppla, genau das ergibt sich im Experiment. Der Beobachter hat Einfluss auf das Beobachtete!“ Diesen Kreuzungspunkt finde ich bahnbrechend, darüber komme ich nicht hinweg. Die Philosophie hat sich von dem Gedanken ja längst wieder verabschiedet und ist zu einer Soziologie oder Politologie geworden.
Jetzt greift sie doch mal zur Kaffeetasse. Der richtige Moment, um etwas über Zehs Arbeitsweise zu erfahren.
Waren für „Schilf“ aufwendige Recherchen nötig?
Meine Auseinandersetzung mit Quantenphysik hatte nichts damit zu tun, dass ich es in einem Roman verarbeiten wollte. Ich hatte für ein Thema Feuer gefangen, dann kam die Idee zum Buch. Über Details, terminologische Feinheiten und darüber, wie Physiker miteinander umgehen und reden, habe ich mich mit einem Physikprofessor ausgetauscht, dessen Adresse ich im Internet gefunden habe. Freunde, mit denen ich über solche Sachen reden könnte, habe ich nicht. Und was nur in meinem eigenen Kopf liegt, ist für mich nicht verwendbar. Ich muss darüber sprechen, um zu merken, was überhaupt das Interessante daran ist.
Gibt es einen besonderen Grund dafür, dass der Roman geografisch in und um Freiburg spielt?
Ja, mehrere, aber eher technische. Ich brauchte ein paar Features. Ich brauchte Berge zum Radfahren, eine Uni und eine Stadt, die ich zumindest einigermaßen kenne. Ein Exfreund hat dort zwei oder drei Jahre gearbeitet und ich habe dort mal einen ganzen Sommer verbracht. Und seit zehn Jahren wohnt der Bruder meines jetzigen Freundes dort, der wiederum selbst Amateurradfahrer ist. Das war praktisch. Wir waren also wirklich am Tatort und haben ausprobiert, wie es funktionieren könnte.
Ihr Mordopfer bleibt während einer Abfahrt mit dem Fahrrad in einem quer über die Straße gespannten Seil hängen und verliert seinen Kopf! Was haben Sie da bitte ausprobiert?
So weit sind wir natürlich nicht gegangen. Ob das klappen würde, weiß ich nicht. Aber der Bruder meines Freundes kennt sich sehr gut aus mit dem Radfahren und konnte mir genau sagen, wie schnell man in welcher Kurve wird und was für ein Bodenbelag wo zu finden ist.
Der Dopingskandal wirft im Moment ja kein besonders helles Licht auf diesen Sport …
Unglaublich, oder? Als wir die Beichte eines Radprofis im „Spiegel“ gelesen haben, meinte mein Freund sofort: Vergiss diesen Medizinskandal, nimm die Dopingnummer, schreib das alles schnell nochmal um!
Das ging natürlich nicht mehr. Zum Glück. „Schilf“ ist vielleicht die bisher sorgfältigste Arbeit Juli Zehs.
Sie haben, was die schrägen Metaphern betrifft, deutlich abgerüstet. Warum?
Ich habe die handschriftliche Fassung auf ein Tonband diktiert und dabei verbal überarbeitet. Man neigt dabei dazu, die Sache noch einmal deutlich zu vereinfachen. Vieles klingt laut gesprochen plötzlich doch sehr pathetisch.
Manche Stellen haben einen etwas gewöhnungsbedürftigen Hang ins Essayistische. Absicht?
Diese Stellen sind wahrscheinlich etwas anstrengend für den Leser, ich weiß. Aber für mich sind es die wahren Schreibanlässe. Ich entwickle gerne spannende Plots, aber der Überbau ist mir eigentlich wichtiger. Ich finde nichts so reizvoll, wie anhand einer möglichst gut gemachten Geschichte indirekt Fragen ins Spiel zu bringen, die für sich genommen schwierig und sperrig sind, über die man eigentlich gar nicht nachdenken will, weil es einen an Punkte führt, an denen man nicht sein möchte.
Letzte Frage, Sie müssen ja weiter: Was versuchen Sie Ihren Schülern am Literaturinstitut morgen zu vermitteln?
Dass das Schreiben, dass die Literatur kein Sport ist und auch kein Beruf. Dass es nichts ist, was man macht, weil man darin ganz gut sein will oder weil man damit viel Geld verdienen will, sondern, dass es beim Schreiben um Selbsterschaffung und um Welterschaffung geht. Man kann Literatur natürlich auch am langen Arm machen, aber es bringt weniger Spaß und bedeutet nichts. Meine Schüler sollen verstehen, dass sie es mit den allerexistenziellsten Angelegenheiten zu tun haben, selbst wenn sie bloß eine Kurzgeschichte schreiben.
Wenn es ihr darauf ankommt, wird Juli Zeh sehr ernst. Aber genau dieser Ernst macht den Reiz ihrer Texte aus. Um zu wenig geht es bei ihr nie.
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